Steigt der Benzinpreis, sucht der Instinkt einen Schuldigen: die Ölkonzerne, die Raffinerien, den Tankstellenbetreiber. In Wirklichkeit ist der Preis an der Säule die Summe mehrerer Bausteine, von denen die Tankstelle selbst der kleinste ist.

Rohöl: der größte Einzelposten

Der wichtigste Baustein ist der Rohölpreis. Bevor Benzin überhaupt entsteht, muss WTI- oder Brent-Rohöl gekauft werden. In Zeiten normaler Preise macht das Rohöl oft rund die Hälfte dessen aus, was in Nordamerika an der Säule steht. Steigt der Ölpreis, zieht der Spritpreis mit, meist mit einigen Wochen Verzögerung, weil sich das teurere Öl erst durch die Lieferkette arbeiten muss.

In Europa ist der Rohölanteil am Endpreis kleiner, weil die Steuern so viel größer sind (siehe unten).

Die Raffineriemarge

Rohöl muss zu Benzin verarbeitet werden. Die Differenz zwischen dem Preis des Rohöls und dem Wert der daraus gewonnenen Produkte ist die Raffineriemarge, im Fachjargon der "Crack-Spread". Sie schwankt mit der Nachfrage: In der sommerlichen Fahrsaison, wenn Raffinerien am Anschlag laufen, weitet sie sich; bei Wartungsstillständen oder Ausfällen ebenfalls. Ein Rohölpreis, der stabil bleibt, während der Spritpreis steigt, deutet oft auf eine Ausweitung dieser Marge hin.

Vertrieb und Handel

Fertiges Benzin muss per Pipeline, Schiff und Tanklaster zur Tankstelle gelangen. Diese Logistik kostet Geld und schwankt je nach Entfernung zur nächsten Raffinerie. Regionen weit von Raffineriezentren zahlen mehr.

Steuern

In Europa ist die Steuer der größte Posten. Energiesteuer und Mehrwertsteuer machen in Deutschland regelmäßig mehr als die Hälfte des Preises an der Zapfsäule aus. Das ist der Hauptgrund, warum Sprit in Europa deutlich teurer ist als in den USA, obwohl beide dasselbe globale Rohöl kaufen. Es erklärt auch, warum europäische Preise weniger stark auf Schwankungen des Rohölpreises reagieren: Ein fester Steuersockel dämpft die prozentuale Bewegung.

Die Marge der Tankstelle

Der kleinste Posten ist ausgerechnet der, den viele verdächtigen: die Tankstelle. Ihre Spanne je Liter ist hauchdünn, oft nur wenige Cent. Viele Stationen verdienen mehr am Shop als am Sprit.

Warum es zählt

Wenn Sie das nächste Mal an der Säule stehen, ist der Preis kein einzelner Willkürakt, sondern eine gestapelte Summe: Rohöl, plus Raffination, plus Transport, plus Steuern, plus eine kleine Händlerspanne. Der größte bewegliche Teil ist das Rohöl, weshalb der Ölpreis am Ende bei jedem Tankvorgang ankommt.


Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Die Bedingungen am Ölmarkt können sich schnell ändern. Konsultieren Sie einen qualifizierten Finanzfachmann, bevor Sie Anlageentscheidungen treffen.